
Belletristik
Mathetilda und die Waage, die nicht bei null anfängt
Mit KI erzeugtAm Hafenmarkt munkelt jeder: Beim Fischhändler Knut bekommt man zu wenig Fisch. Alle reden darüber, aber niemand hat es je nachgemessen. Die siebenjährige Mathetilda zieht ihren Bleistift hinterm Ohr hervor, öffnet ihr Heft und beginnt zu zählen, zu wiegen und zu vergleichen – mit ihrer Katze Pfötchen an ihrer Seite, die schon seit Tagen etwas unter dem Fischstand zu wissen scheint. Ein sonniger Markttag voller Zahlen, Möwengeschrei und einem Rätsel, das nur lösen kann, wer genau hinschaut.
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Titelsong
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Kostenlos registrieren & weiterhörenZum Mitlesen: Gerede zwischen den Kisten
Es war Samstagmorgen in der kleinen Hafenstadt am Meer. Die Sonne lag warm auf der Kaimauer, das Wasser glitzerte, und über den Marktständen flogen die Möwen und schrien, als hätten sie alle gleichzeitig etwas ganz Wichtiges zu erzählen. Der ganze Markt roch nach Salz und nach frischem Brot und nach Käse. Und mittendrin, zwischen den Kisten hindurch, kam Mathetilda. Mathetilda war sieben Jahre alt. Sie hatte zwei Pferdeschwänze, einen links und einen rechts, und die wippten bei jedem Schritt mit. Sie trug ihr Lieblings-T-Shirt mit dem geheimnisvollen Pi-Zeichen darauf, das aussah wie ein kleines Tor mit zwei Beinen. Dazu kurze Jeans und Turnschuhe. In der Hosentasche steckte ein zerknicktes Notizheft, und hinter dem Ohr, gut versteckt zwischen den Haaren, ein Bleistift. Hinter ihr kam Papa. Er hatte kurze dunkelblonde Haare, einen Dreitagebart und ein gestreiftes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Unterm Arm trug er eine Holzkiste, und in der Backentasche ein Stück Käse. Und ganz vorne, mit hoch aufgerichtetem Schwanz, lief Pfötchen. Pfötchen war eine schlanke, grau getigerte Katze mit vier weißen Pfoten, einem weißen Fleck am Kinn und großen grünen Augen. Also, mein Plan für heute: Brot, Käse, Gemüse. Und Fisch. Ein schöner, dicker Dorsch. Und für Pfötchen ein Löffel Fischsalat. Für Pfötchen ein Löffel Fischsalat. Steht im Vertrag. Aber irgendetwas war anders an diesem Markttag. Überall zwischen den Ständen stand jemand und tuschelte. Und alle tuschelten dasselbe. Am Blumenstand beugte sich Frau Kranz über die Eimer mit den Sonnenblumen und sagte zu der Frau neben sich: Beim Knut bekommt man zu wenig. Das wisse doch inzwischen jeder. Und die Frau neben ihr nickte und sagte es gleich weiter zum Bäcker Bolle. Und Bäcker Bolle sagte es weiter zu einem Mann mit Einkaufsnetz. Und der Mann mit dem Einkaufsnetz sagte es weiter zu seiner Nachbarin. Das Gerede wanderte über den Markt wie eine Welle, von Stand zu Stand. Papa. Alle sagen dasselbe. Ich hab es auch schon dreimal gehört. Beim Knut bekommt man zu wenig. Aber woher wissen die das denn? Na ja. Die sagen es eben. Sagen ist nicht wissen. Sie gingen um die Ecke, und da war er: der Fischstand. Knut stand hinter einem richtigen Eisberg aus glitzerndem Eis, und darauf lagen die Fische in ordentlichen Reihen, silbern und glänzend. Knut war ein kräftiger Mann mit hellem Bart und blauer Wollmütze. Er trug eine blaue Gummischürze über dem Pullover, und seine Hände waren rot vom kalten Wasser. Normalerweise hörte man Knut über den ganzen Markt lachen. Heute hörte man ihn nur rufen. Leute! Meine Waage ist in Ordnung! Ich wische sie jeden Abend, jeden einzelnen Abend! Sie ist sauber wie ein Teller! Er hob beide Hände hoch in die Luft, so wie jemand, der zeigen will: Seht her, ich verstecke nichts. Aber die Leute blieben nicht stehen. Sie schauten kurz herüber und gingen weiter zum nächsten Stand. Vor dem Fischstand war es leer. So leer, dass man das Eis knistern hörte. Sauber wie ein Teller... Guten Morgen, Knut. Morgen. Willst du auch nicht kaufen? Doch. Einen Dorsch, wie immer. Knut hob den Fisch auf die Waage. Der Zeiger zitterte und blieb stehen. Knut wickelte den Dorsch in Papier und reichte ihn Papa über den Eisberg. Und dabei sagte er ganz leise etwas, das gar nicht zu seiner lauten Stimme passte. Ich habe niemanden betrogen. Nicht einen Einzigen. Aber wenn es alle sagen, dann glaubt es irgendwann jeder. Papa stellte seine Holzkiste ab, mitten auf dem Pflaster, und schaute den Möwen hinterher, die über den Ständen kreisten. Weißt du, was so ein Gerede ist, Mathetilda? Genau wie Möwengeschrei. Laut. Sehr laut. Aber es steckt nichts drin. Papa? Hast du zu Hause mal nachgemessen? Nachgemessen? Nein. Wieso denn? Und Frau Kranz? Und Bäcker Bolle? Ich glaube... die auch nicht. Also behaupten alle etwas. Und keiner hat gemessen. Mathetilda wurde ganz still. In ihrem Kopf machte es leise klick, so wie immer, wenn eine Frage sich bei ihr einnistete und nicht mehr weggehen wollte. Sie griff hinters Ohr und zog den Bleistift hervor. Dann holte sie das zerknickte Heft aus der Hosentasche und schlug eine leere Seite auf. Oha. Das Heft ist draußen. Jetzt wird gerechnet. Erst gesammelt. Dann gerechnet. Und während Papa seine Kiste wieder hochhob und Mathetilda die erste Zeile in ihr Heft schrieb, tat Pfötchen etwas, das niemand bemerkte. Sie stellte den Schwanz hoch auf, ging langsam um den Eisberg herum und verschwand unter Knuts Tisch. Dort setzte sie sich hin, ganz ordentlich, die weißen Pfoten nebeneinander. Und dann schaute sie nach oben. Einfach nach oben. Ihre Nase zuckte. Miau. Ja, ja. Da sitzt sie wieder, deine Katze. Sitzt da seit Tagen. Pfötchen! Wir gehen weiter! Es gibt Käse! Pfötchen kam heraus, blinzelte in die Sonne und trottete hinterher. Aber sie schaute noch zweimal zurück zum Fischstand. Und niemand, wirklich niemand, achtete darauf. Mathetilda auch nicht. Noch nicht. Ich frage jetzt jeden dasselbe. Was hast du gekauft, was hat die Waage gesagt, und was hat deine Waage zu Hause gesagt. Drei Fragen. Immer die gleichen? Immer die gleichen. Sonst kann man die Antworten nicht vergleichen. Und so ging Mathetilda los, mit dem Bleistift in der Hand, dem Heft unterm Arm und einer Katze im Schlepptau. Der Markt war laut. Das Gerede war laut. Aber ab jetzt zählten nur noch Zahlen.
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