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Cover: Die Stimmen im Windwart

Belletristik

Die Stimmen im Windwart

Mit KI erzeugt
Mysteryca. 40 Min.

Als Marlene das einsame Klippenhaus erbt, das ihr eine fremde Großtante hinterlassen hat, bringt die erste Sturmnacht an der Nordsee mehr als Regen und Gischt – aus dem Heulen des Windes lösen sich Töne, die wie geflüsterte Worte klingen und ihren Namen zu rufen scheinen. In dem reetgedeckten Haus voller verhängter Möbel und verborgener Kammern ahnt sie, dass hinter dem Rätsel eine Geschichte wartet, die ihr ganzes Leben neu ordnen könnte.

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Ankunft im Windwart

Kapitel 1 von 1 · gesamt 0:00 / 5:20

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Tempo
Schlummer

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Zum Mitlesen: Ankunft im Windwart

Die Küstenstraße war kaum mehr als ein Band aus grauem Schotter, das sich in engen Kehren an der Steilküste emporwand. Der Motor stöhnte, die Scheibenwischer schoben eine dünne Salzschicht hin und her, und über allem lag die blaue Stunde, in der die Farben aus der Welt sickern. Am Steuer saß Marlene, achtundzwanzig Jahre, das schulterlange kupferrote Haar zu einem lockeren Zopf gebunden. Ihre helle, sommersprossige Haut wirkte im Dämmerlicht fast durchscheinend, und hinter der kleinen runden Brille suchten ihre Augen die Böschung nach einem Wegweiser ab. Über dem senfgelben Wollpullover hatte sie die Heizung so hoch gedreht, wie der alte Wagen es zuließ. Windwart. Es muss hier oben irgendwo sein. Am Ende der Welt, hat der Notar gesagt. Er hatte recht. Weiter geht es nun wirklich nicht mehr. Dann tauchte es aus dem Dunst auf, so plötzlich, als hätte die Klippe es in diesem Augenblick geboren. Ein langgestrecktes Haus mit tief herabgezogenem Reetdach, das im letzten Licht wie nasses Silber schimmerte. Die weißen Wände waren vom Wetter fleckig, die Fensterläden hingen schief in den Angeln. Ringsum wucherte ein verwilderter Garten, in dem Rosenranken und Heidekraut über einen niedrigen Steinzaun gekrochen waren, und dahinter, kaum dreißig Schritte entfernt, fiel das Land senkrecht ins Nichts. Von dort unten stieg das ewige Grollen der Brandung herauf, ein Atem, der niemals stillstand. Oh. Du liebe Zeit, ist das ein Wind hier oben. Der reißt einem ja beinahe die Brille vom Gesicht. Sie kramte in ihrer Tasche und zog den Umschlag hervor, den ihr die Kanzlei vor drei Tagen ausgehändigt hatte. Cremefarbenes Papier, schon abgegriffen, und darauf in strenger Schrift ihr eigener Name. Sie tastete hinein, und ihre Finger schlossen sich um etwas Kaltes, Schweres. Ein großer, altmodischer Schlüssel, über und über von Rost überzogen, als hätte niemand ihn seit Jahren mehr in die Hand genommen. Eine Großtante. Henny. Ich habe nicht einmal gewusst, dass es dich gibt. Und trotzdem hinterlässt du mir ein ganzes Haus. Warum ausgerechnet mir? Sie ging den überwachsenen Pfad hinauf, vorbei an einem verrosteten Windspiel, das leise und schief in den Böen klimperte. Die Haustür war aus dunklem, verwittertem Eichenholz, mit einem Klopfer in Gestalt eines Seesterns. Marlene steckte den Schlüssel ins Schloss. Er hakte, sie musste ihn mit beiden Händen drehen, dann gab er nach mit einem langen, kratzenden Seufzer. Hallo? Ist da jemand? [pauses] Natürlich nicht, Marlene. Das Haus steht leer. Reiß dich zusammen. Drinnen empfing sie eine Dunkelheit, die nach altem Holz, nach getrocknetem Lavendel und ein wenig nach kaltem Rauch roch. Sie fand einen Lichtschalter, und eine nackte Glühbirne flackerte widerwillig auf. Das Wohnzimmer war ein Wald aus Gespenstern. Über jedem Möbelstück lag ein weißes Tuch, über den Sesseln, über einem hohen Sekretär, über etwas, das die Umrisse eines Klaviers hatte. Der Staub tanzte im gelben Licht, und die Dielen knarrten unter ihren Stiefeln, als sie zögernd näher trat. Als hätte hier jemand alles zugedeckt und wäre nur eben kurz vor die Tür gegangen. Und trotzdem ist es warm. Viel zu warm für ein Haus, in dem seit Wochen niemand mehr geheizt hat. Es stimmte. Draußen tobte der kalte Herbstwind, doch hier drinnen lag eine seltsame Wärme in der Luft, weich und beharrlich, wie das Nachglühen eines Ofens, der eben erst ausgegangen war. Marlene zog eines der Tücher beiseite, und darunter kam ein Beistelltisch zum Vorschein. Auf ihm stand, sorgfältig aufgerichtet, ein gerahmtes Foto. Eine alte Frau blickte ihr entgegen, Ende siebzig vielleicht, mit kurzem silbernem Haar und warmen, hellen Augen. Ein dickes, moosgrünes Stricktuch lag um ihre Schultern, und sie lächelte, als schaue sie geradewegs durch das Glas hindurch in Marlenes Gesicht. Bist du das, Henny? [pauses] Du siehst mich an, als hättest du mich erwartet. Als wüsstest du genau, dass ich eines Tages hier durch diese Tür komme. Sie stellte das Foto behutsam zurück und bemerkte erst jetzt, dass ihr Herz schneller schlug, ohne dass sie hätte sagen können, warum. Es war keine Angst. Eher das Gefühl, unangemeldet in einen fremden Traum getreten zu sein. Sie trug ihre Reisetasche herein, schloss die Tür gegen den Wind und lehnte sich einen Moment mit dem Rücken dagegen. Durch das Fenster sah sie, wie die letzte Helligkeit über dem Meer erlosch und die Nacht wie Tinte über die Klippe lief. Nur eine Nacht, sage ich mir. Nur so lange, bis ich weiß, was ich hier eigentlich tue. [breathes] Und morgen früh fahre ich ins Dorf und frage jemanden, wer du wirklich warst. Doch das Haus schien andere Pläne zu haben. Denn draußen, tief unten an der Klippe, frischte der Wind auf, strich um die Giebel, fand seinen Weg durch Ritzen und Kamine, und in seinem Rauschen lag bereits, ganz zart und noch ungehört, der erste Ton einer Stimme, die Marlenes Namen tragen würde.

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