
Geschichte
Die Kerze im Fenster
Mit KI erzeugtLeipzig, Herbst 1989: Die Familie Vogt lebt zwischen Mangelwirtschaft und Misstrauen, zwischen einem Nachbarn, der zu viel beobachtet, und einem Sohn, der nicht länger schweigen will. Als die Montagsdemonstrationen die Straßen füllen, muss jedes Familienmitglied entscheiden, wie viel Angst es noch zu tragen bereit ist.
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Schlangen und Schweigen
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Der September kam in diesem Jahr mit einem klaren, kühlen Licht über Grünau, und der Himmel lag grau und weit über den Plattenbauten, die wie große, stille Schachteln nebeneinanderstanden. Karin Vogt zog die hellblaue Strickjacke enger um die Schultern, während sie in der Schlange vor dem Konsum wartete. Sie war die dritte an diesem Morgen, kurz nach sieben, und schon standen ein Dutzend Frauen hinter ihr, die Beutel und Netze fest in den Händen. Karin war fünfundvierzig, schlank, das dunkelblonde Haar zu einem lockeren Zopf gebunden, und um ihre Augen lagen feine Falten, die von zu vielen langen Nachtschichten erzählten. Es hieß, es gäbe Apfelsinen. Ob es stimmte, würde sich erst zeigen, wenn die Tür aufging.
Eine Frau vor ihr murmelte, dass letzte Woche schon nach einer halben Stunde nichts mehr da gewesen sei. Karin nickte nur. Man sprach nicht viel in diesen Schlangen, nicht laut jedenfalls. Man wusste ja nie, wer neben einem stand und was er sich merkte.
Zur selben Zeit stand Reinhard Vogt am Trabant und redete ihm gut zu wie einem alten, störrischen Pferd. Der Motor hustete, blaugrauer Qualm stieg auf, und beim dritten Versuch sprang er endlich an. [exhales] Reinhard war achtundvierzig, kräftig gebaut, das kurze Haar graumeliert über einer hohen Stirn, und unter der Nase saß der buschige graue Schnurrbart, an dem er im Nachdenken gern zupfte. Die ausgewaschene braune Cordjacke hing über dem karierten Hemd. Er fuhr los, hinaus aus Grünau, zur Druckerei am anderen Ende der Stadt, wo er seit Jahren an den Maschinen setzte, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, und stets nur das, was man drucken durfte.
Oben in der Wohnung, im vierten Stock, deckte Hildegard den Frühstückstisch. Die Großmutter war zweiundsiebzig, klein und rundlich, das schlohweiße Haar zu einem festen Knoten gebunden, und über der dunkelblauen Kittelschürze mit dem Blümchenmuster baumelte die Brille an einer Kette. Sie strich mit der Hand über das karge Brot, teilte die Margarine sparsam ein und stellte die Marmelade in die Mitte, als wäre sie ein kleiner Schatz. Am Fensterbrett stand eine Kerze in einem schlichten Glas. Hildegard zündete sie nicht an, noch nicht. Aber sie sah sie jeden Morgen an, als wäre sie ein stilles Versprechen.
Anne kam als Letzte aus dem Kinderzimmer, die Schultasche aus Segeltuch bereits über der Schulter. Sie war sechzehn, zierlich, das kastanienbraune Haar fiel glatt bis zu den Schultern, und über der Nase lagen ein paar Sommersprossen. Über dem roten selbstgestrickten Pullover trug sie die Jeansjacke, und an ihrer Tasche hing, klein und leicht zu übersehen, ein Anstecker mit einer Friedenstaube. Sie küsste die Großmutter auf die Wange und lief die Treppe hinunter.
Im dritten Stock stand Herr Kramer. Er stand einfach nur da, die graue Strickweste glatt gezogen, die Aktentasche unterm Arm, die dunkle Hornbrille auf der fahlen Nase. Sein schütteres Haar lag streng gescheitelt. »Guten Morgen, Anne«, sagte er, und seine schmalen Lippen bewegten sich kaum. Sein Blick glitt über ihre Tasche, über den kleinen Anstecker, und blieb dort einen Augenblick zu lange hängen. »Zeitig unterwegs heute.«
»Zur Schule«, sagte Anne knapp. Sie spürte, wie ihr das Herz schneller schlug, ohne dass sie hätte sagen können, warum. Herr Kramer nickte langsam, und sie ging weiter, hinaus in den Morgen, und spürte seinen Blick noch im Rücken, als sie längst über den Hof lief.
Am Abend saßen sie zusammen in der kleinen Stube. Reinhard drehte den Ton des Fernsehers ganz leise, so leise, dass man sich fast über das Gerät beugen musste, um die Stimmen zu verstehen. Es war das Westfernsehen, und man tat, als sähe man es nicht, und schloss doch die Vorhänge und lauschte. [sighs] Draußen war es dunkel geworden. Und im Fenster stand die Kerze, ungezündet noch, und wartete auf einen Abend, von dem in diesem September noch niemand ahnte, dass er kommen würde.
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