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Cover: Das Schweigen unterm Schöpfwerk

Krimi

Das Schweigen unterm Schöpfwerk

Mit KI erzeugt
Cold Caseca. 34 Min.

Als Baggerarbeiten an einem verfallenen Schöpfwerk im ostfriesischen Klosterhörn Knochen ans Licht bringen, beginnt Hauptkommissarin Tomke Vehndel, einen Fall neu aufzurollen, der seit über dreißig Jahren als Unfall zu den Akten gelegt worden war. Je tiefer sie in die vergilbten Unterlagen von 1991 und in das Schweigen des Dorfes eindringt, desto klarer wird: Hinter dem Verschwinden der jungen Frauke Onnen verbergen sich Geheimnisse, die bis weit ins letzte Jahrhundert zurückreichen. Denn die Marsch vergisst nichts – und irgendwann gibt sie alles zurück.

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Was der Schlick freigibt

Kapitel 1 von 1 · gesamt 0:00 / 6:20

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Tempo
Schlummer

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So, Mikro läuft, Kopfhörer sitzen, Kaffee ist gefährlich nah an der Tastatur — guten Morgen, Jakob.

Guten Morgen. Du hast den Kaffee wirklich genau da hingestellt, wo letzte Woche das Malheur war.

[laughs] Ich lebe gefährlich. Das ist mein Markenzeichen.

Na dann. Was haben wir denn heute? Ich hab keine Ahnung, du hast ja gemauert die ganze Woche.

Hab ich, ja, ganz bewusst. Ich hab da nämlich was recherchiert, und ich wollte dich wirklich kalt erwischen damit.

Oh, erzähl. Jetzt bin ich neugierig.

Also. Stell dir Ostfriesland vor. Marschland. Flach, nass, Wind, der einfach nie aufhört. Und mittendrin ein Dorf, das gibt's so natürlich nicht, ich hab den Fall fiktionalisiert, aber er folgt echten Mustern. Das Dorf heißt Klosterhörn.

Klosterhörn. Klingt schon nach Nebel und Schweigen.

Genau das. Und am Rand von diesem Dorf steht ein altes Schöpfwerk.

[pauses] Warte, noch mal von vorn — Schöpfwerk, das ist so ein Pumpenhaus, oder? Das das Wasser aus der Marsch rauspumpt?

Ganz genau. In so flachen Gegenden liegt das Land teilweise unter dem Meeresspiegel, und die Schöpfwerke pumpen das überschüssige Wasser raus, damit die Höfe nicht absaufen. Lebenswichtig da unten. Und dieses bestimmte Schöpfwerk ist seit Jahren stillgelegt.

Okay. Und jetzt passiert was damit.

Jetzt passiert was. Wir sind im Jahr zweitausendvierundzwanzig, ein nieseliger Morgen im Frühjahr. Das alte Schöpfwerk soll saniert werden, und dafür rückt eine Baufirma an mit Bagger. Die graben im alten Fundamentbereich, da, wo früher das Pumpenhaus stand, alter Schlick, alter Beton.

Schlick, das ist dieser zähe, schwarze Schlamm.

Genau, der riecht und an dem alles kleben bleibt. Und einer von den Bauarbeitern, der sitzt im Bagger, zieht eine Schaufel hoch, kippt sie aus — und stutzt.

[exhales] Oh nein.

Er steigt aus, geht hin, und im Schlick liegt was Helles. Erst denkt er, Tierknochen. Da unten findet man ja oft alte Tierreste, Pferd, Rind, was über die Jahrhunderte versunken ist.

Das war auch mein erster Gedanke, ehrlich gesagt.

Aber dieser Mann hat schon ein bisschen was gesehen im Leben, und irgendwas an der Form lässt ihn nicht los. Er ruft den Polier, der ruft die Polizei, und damit fängt unsere Geschichte richtig an.

Und wer kommt?

Hauptkommissarin Tomke Vehndel. Cold-Case-Abteilung, Polizeiinspektion Aurich.

Cold Case heißt ungelöste Altfälle.

Genau. Und das Schöne an Tomke ist — sie ist von da. In der Gegend aufgewachsen, spricht Platt, kennt die Mentalität. Das wird später noch richtig wichtig.

Das kann ich mir vorstellen. So eine verschlossene Dorfgegend, da bist du als Fremder erst mal außen vor.

Völlig. Und genau das spürt sie sofort, als sie ankommt. Stell dir das vor: Sie fährt diesen schmalen Deichweg hoch, links das Schwartetief, so ein Wasserlauf, rechts die endlose Marsch. Nieselregen, der sich kaum entscheiden kann, ob er Regen oder Nebel sein will.

[breathes] Ich krieg schon kalte Füße beim Zuhören.

[laughs softly] Und am Schöpfwerk hat sich eine kleine Traube Schaulustiger versammelt. Dorfbewohner. Und Tomke beschreibt das später so: Die stehen da, aber keiner sagt was. Kein Tuscheln, kein Gaffen, kein „Was ist denn passiert?“. Die stehen einfach und gucken.

Das ist ja fast unheimlicher als ein Auflauf.

Total. Sie sagt selbst, dieses Schweigen sei ihr gleich aufgefallen. In jedem anderen Dorf hätte sie zwanzig Theorien hören müssen, bevor sie aus dem Auto war. Hier — nichts. Nur Blicke.

Puh. Als ob alle schon was ahnen.

Das ist genau der Punkt, den du dir merken sollst. Halt das fest.

Okay, ist notiert.

Die Rechtsmedizin kommt, sichert die Reste, und es gibt eine erste, vorläufige Einschätzung noch am Fundort.

Und?

Kein Tier. Ein Mensch. Und liegt da schon sehr lange. Wir reden nicht von Monaten, wir reden von Jahrzehnten.

[pauses] Okay, das verändert ja sofort alles.

Komplett. Und jetzt kommt das Detail, das Tomke sofort den Nacken kribbeln lässt. Die Lage.

Die Lage — du meinst, wo genau die Knochen lagen?

Genau. Sie liegen nicht im offenen Wasser. Nicht im Tief, nicht in einem Graben. Sie liegen im Schlick, eingebettet, im Fundamentbereich, da wo Beton und Schlick ineinander übergehen.

Hm. Warte. Warum ist das so wichtig?

Weil — denk mal nach. Wenn jemand ertrinkt, in einem Wasserlauf, dann treibt der Körper, der wird verlagert, der lagert sich irgendwo an einer Böschung ab, im offenen Wasser, im Schlamm am Ufer. Aber nicht eingebettet in ein Betonfundament.

Stimmt. In Beton kommt man ja nicht aus Versehen.

[exhales] Das ist der Satz. Das ist genau der Satz, der Tomke nicht mehr loslässt. In Beton kommt man nicht aus Versehen.

Okay, das ergibt Sinn. Also ist das von Anfang an kein Unfall.

Sie sagt es vorsichtig, sie ist Profi, sie hält sich offen. Aber der erste Eindruck steht: Das passt nicht zu einem Ertrinken. Und dann macht sie das, was man eben macht — sie geht zurück nach Aurich und gleicht den Fund mit Vermisstenakten ab. Wer ist in dieser Gegend verschwunden und nie gefunden worden?

Und da ist bestimmt eine ganze Liste.

Erstaunlich kurz, in so einer dünn besiedelten Ecke. Aber ein Name bleibt sofort hängen. Eine junge Frau. Frauke Onnen.

Frauke Onnen.

Zweiundzwanzig Jahre alt. Verschwunden im November neunzehnhunderteinundneunzig. Und der Fall ist damals zu den Akten gelegt worden als — jetzt halt dich fest —

Lass mich raten.

Vermutlicher Badeunfall.

[exhales] Ein Badeunfall. Im November. In Ostfriesland.

Ich weiß. Ich weiß. Und genau da hat Tomke auch gestutzt. Ihr Fahrrad wurde damals am Deich des Schwartetiefs gefunden, und die Polizei hat schnell gesagt: ist wohl ins Wasser gegangen, ertrunken, traurig, Fall geschlossen.

Und jetzt taucht sie — wenn sie es denn ist — in einem Betonfundament wieder auf. Nicht im Wasser.

Wenn sie es ist. Genau das muss Tomke erst beweisen. Aber der Widerspruch steht groß im Raum: Eine junge Frau, angeblich ertrunken, liegt dreiunddreißig Jahre lang in einem Schlickbett unter einem Pumpenhaus.

Das passt vorne und hinten nicht zusammen. Und dann? Wie ging es weiter? Wo fängt sie überhaupt an zu graben?

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