
Krimi
Fall ohne Akte – Folge 5: Die Uhr, die niemand gestellt hat
Mit KI erzeugtEin Zeitstempel auf einem Tankstellenvideo scheint einen Werkstatt-Mitinhaber eindeutig zu entlasten – bis zwei Fachleute genauer hinschauen. Judith Marlow und Tom Achenbach rekonstruieren einen Fall, in dem eine simple Zeitumstellung eine ganze Ermittlung ins Wanken bringt. Wie zuverlässig ist eine Zahl auf einem Bildschirm wirklich, wenn niemand sie geprüft hat?
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Der Montag – was gesichert ist
Kapitel 1 von 1 · gesamt 0:00 / 4:55
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Bei mir zu Hause steht eine Mikrowelle, die geht seit ungefähr zwei Jahren zwölf Minuten vor. Ich weiß das. Ich rechne jedes Mal automatisch zurück. Und trotzdem erwische ich mich manchmal dabei, wie ich auf diese Ziffern schaue und ihnen glaube.
[laughs softly] Das ist doch das Schöne an Ziffern. Sie diskutieren nicht mit dir.
Genau darum geht es heute. Willkommen bei Folge fünf. Und wie immer der Hinweis, der bei uns keine Formalie ist, sondern die Geschäftsgrundlage: Was wir hier erzählen, ist frei erfunden. Keine echten Namen, keine echten Opfer, kein echter Betrieb. Was echt ist, sind die Muster dahinter.
Kann ich unterschreiben. Also, es gibt kein Rautenbach, jedenfalls nicht unseres. Es gibt keine Werkstatt Sattler und Vass, es gibt keinen Holger Vass, keinen Erhard Pohl, keine Anita Reisch. Das ist zusammengesetzt aus Dingen, die es oft gibt. Sehr oft sogar. Deshalb lohnt es sich.
Dann fang an. Und mach es so, wie du es am besten kannst: in der Reihenfolge, in der die Dinge damals bekannt wurden. Nicht in der Reihenfolge, in der wir sie heute verstehen.
Abgemacht. Montag im November. Kleinstadt, Rautenbach, am Ortsrand eine Kfz-Werkstatt. Zwei Hallen, ein Anbau mit Büro, davor ein Hof mit Kies und ein paar Kommissionswagen unter Preisschildern hinter der Scheibe. Aufgemacht wird kurz nach sieben.
Wer macht auf?
Die Bürokraft. Anita Reisch, neununddreißig, schmal, dunkelblondes Haar zu einem flachen Zopf gebunden, grauer Strickpullover über weißer Bluse, dünne goldene Kette. Und in der Hand immer ein Notizbuch mit einem Gummiband drum.
Das Notizbuch merken wir uns.
Solltest du. Sie richtet als Erstes die Kasse. Da liegen die Bareinnahmen von Freitag und Samstag drin, weil die Bank am Wochenende zu hat und der Einwurf erst am Montagmittag gemacht wird. Rund sechstausendvierhundert Euro.
Also ein Betrag, der nicht jede Woche so dort liegt.
Nicht jede Woche, aber regelmäßig genug, dass jeder im Betrieb weiß, wann er dort liegt. Das ist ein Unterschied, den wir später brauchen. Um elf Uhr fünf geht sie wieder an den Kassenschrank. Und die Kasse ist leer.
Leer im Sinne von ausgeräumt, nicht im Sinne von durchwühlt?
Ausgeräumt. Ordentlich. Und aus dem grauen Aktenschrank daneben fehlen zwei Fahrzeugbriefe. Die lagen im zweiten Fach, in einer Klarsichthülle, hinter Ordnern mit Rechnungen.
Hinter Ordnern.
Hinter Ordnern.
Puh. Gut, das ist ein Satz, bei dem ich schon anhalten möchte. Aber sag erst den Rest.
Der Rest ist das, was fehlt. Keine aufgebrochene Tür. Kein beschädigtes Schloss. Kein eingeschlagenes Fenster, keine Hebelspuren am Rahmen, nichts an der Hofeinfahrt. Der Betrieb sieht aus wie ein Betrieb an einem Montag.
Und jetzt sage ich das, was ich in solchen Momenten immer sage, auch wenn es unbefriedigend ist: Das ist eine Beobachtung, keine Deutung. Keine Einbruchspuren heißt nicht automatisch Innentäter. Es heißt zunächst nur, dass niemand Gewalt anwenden musste.
Weil eine Werkstatt am Montagvormittag offen ist wie ein Bahnhof.
Genau. Tore auf, Radio an, Leute gehen rein und raus, Kunden holen Reifen ab. Da braucht es kein Brecheisen. Trotzdem, und das ist jetzt schon Deutung: Der Aktenschrank stört mich.
Der stört mich auch. Aber halt den Gedanken kurz, ich habe noch ein Detail vom Morgen, das damals niemand aufgeschrieben hat, weil es keine Information war, sondern ein Witz.
Jetzt bin ich neugierig.
In der Nacht zum Sonntag waren in der Region die Uhren zurückgestellt worden. Der Montag war der erste Arbeitstag danach. Und im Büro hängt eine Wanduhr, so eine alte weiße mit schwarzem Rand, die geht natürlich nicht von allein. Irgendwer ist morgens auf den Stuhl gestiegen, hat den Zeiger eine Stunde zurückgedreht und dabei gesagt, jetzt hätten sie alle eine Stunde geschenkt bekommen und könnten sie gleich in Arbeit stecken.
[laughs] Ein Werkstattwitz.
Ein Werkstattwitz. Steht in keiner Akte. Kam später in einer Befragung so nebenbei vor, dass es fast rausgekürzt worden wäre.
Und ich sage jetzt trotzdem nichts dazu, weil wir sonst die ganze Folge verbrennen. Nur so viel: Eine Uhr, die jemand von Hand stellen muss, ist ein Gerät mit einer menschlichen Entscheidung drin.
Merk dir den Satz. Den brauchst du noch mal.
Also. Elf Uhr fünf, leere Kasse, zwei fehlende Briefe, keine Spuren. Wer kommt, wer wird befragt, und wie eng bekommen sie das Zeitfenster?
Ziemlich eng. Erschreckend eng, ehrlich gesagt. Aber dafür muss ich dir erst erzählen, wie viele Schlüssel es in diesem Betrieb gab. Und wer am Freitagabend als Letzter gegangen ist.
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