
Krimi
Der Fjord schweigt nicht
Mit KI erzeugtAls Marit Vollan mit schweren Verletzungen in einer Osloer Klinik landet, glaubt jeder an einen Treppensturz – außer Kriminalpsychologin Kristine Halvorsen. Hinter der makellosen Fassade eines gefeierten Spitzenpolitikers und seiner stillen Ehefrau ahnt sie ein jahrelanges Muster aus Kontrolle, Angst und Schweigen. Doch die Wahrheit liegt tiefer, als Kristine vermutet – vergraben in gelöschten Nachrichten, stillen Fjordhotels und den Geheimnissen eines Mannes, der alles zu verlieren hat.
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Der Treppensturz
Kapitel 1 von 1 · gesamt 0:00 / 4:18
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Der Sturm kam von Süden herauf, über den Fjord, und trieb den Regen in waagerechten Schlieren gegen die Fenster der Notaufnahme. Es war kurz nach elf an einem Freitagabend im November, und die Lichter der Klinik im Westen Oslos brannten kalt und weiß in die Dunkelheit hinaus. Drinnen roch es nach Desinfektionsmittel und nassen Mänteln, und die automatischen Türen zischten immer wieder auf, wenn eine Böe gegen sie drückte, als wollte die Nacht selbst hereinkommen.
Um diese Zeit wurde eine Frau eingeliefert, deren Name auf dem Aufnahmebogen mit sorgfältigen Buchstaben stand: Marit Vollan. Sie lag reglos auf der Trage, die Augen halb geschlossen, das aschblonde Haar feucht und wirr, gelöst aus einem Knoten, der sich irgendwann in dieser Nacht aufgelöst haben musste. Über einer beigefarbenen Strickjacke lag noch ein langer Schal, durchnässt vom Regen. Ihre Haut war blass, fast durchscheinend, mit dunklen Ringen unter den Augen, und ihre rechte Hand hielt den Stoff der Jacke umklammert, als wäre er das Letzte, was ihr geblieben war.
Die diensthabende Ärztin, eine erfahrene Frau mit müdem Blick und ruhigen Händen, ging die Verletzungen durch, während die Pfleger die durchnässten Sachen vorsichtig zur Seite legten. Ein Bruch am Handgelenk. Prellungen an der Schulter. Doch es waren die anderen Spuren, die sie innehalten ließen. Blaue Flecken in verschiedenen Farben, manche frisch, manche schon gelblich verblasst, in Stufen, wie Schichten eines alten Buches. [sighs] Sie stimmten nicht überein. Nicht mit einer einzigen Nacht. Und ganz sicher nicht mit einem einzigen Sturz.
Denn das war die Erklärung, die man ihr mitgegeben hatte. Ein Sturz auf der Treppe. Sie sei ausgerutscht, hieß es, oben in der weißen Villa auf der Halbinsel Bygdøy, wo die reichen Familien der Stadt hinter Hecken und Toren wohnten. Ein bedauerlicher Unfall. Der Mann, der sie gebracht hatte, war nicht geblieben. Ein Fahrer war es gewesen, hieß es später, ein Angestellter, der wortkarg unterschrieben und die Klinik wieder verlassen hatte, bevor die erste Frage gestellt werden konnte.
Die Ärztin sah lange auf die Muster der alten und neuen Verletzungen. Dann griff sie zum Telefon.
Zwei Stunden später, als der Sturm sich kaum gelegt hatte, trat Kristine Halvorsen durch die zischenden Türen. Sie war Anfang vierzig, das mittelblonde Haar streng zu einem Zopf gebunden, und über einem marineblauen Rollkragenpullover trug sie einen dunkelgrauen Wollmantel, an dem der Regen in feinen Tropfen glänzte. Über den Sommersprossen auf ihrer hellen Haut saß eine schmale silberne Brille, und ihre Augen wanderten schon durch den Raum, ruhig und aufmerksam, noch bevor sie den ersten Satz gesprochen hatte.
Man hatte sie gerufen, weil sie Kriminalpsychologin war und weil die Klinik ein ungutes Gefühl nicht in eine Diagnose fassen konnte. Kristine hörte sich den Befund an, wortlos, und stellte dann nur eine einzige Frage. Ob jemand Marit Vollan begleitet habe. Niemand, lautete die Antwort. Sie sei allein gekommen, gebracht von einem Fremden, der sofort wieder gegangen war.
Kristine trat leise ans Bett. Marit schlief, oder tat, als schliefe sie. Und doch, als Kristine sich vorbeugte, öffneten sich für einen Moment die Augen der Frau, und in diesem einen Blick lag etwas, das Kristine seit vielen Jahren aus keiner Akte, aus keinem Foto und aus keinem Gutachten heraus vergessen konnte. Es war keine Verwirrung. Es war Angst. Eine geübte, alte Angst, die wusste, wann sie sich zu verbergen hatte.
[whispers] „Sie sind in Sicherheit", sagte Kristine leise. Marit sah sie an, lange, und ihre Lippen bewegten sich, formten fast ein Wort. Dann drehte sie den Kopf zur Seite, zum dunklen Fenster hin, hinter dem der Regen noch immer fiel.
Kristine richtete sich auf. Draußen heulte der Wind über den Fjord, und irgendwo dort, hinter den Lichtern der Stadt, stand eine weiße Villa, in der eine Treppe die ganze Wahrheit tragen sollte. Kristine wusste bereits, dass sie es nicht tat. Sie musste nur herausfinden, wer es gewesen war.
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