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Cover: Das letzte Signal in der eisigen Nacht

Geschichte

Das letzte Signal in der eisigen Nacht

Mit KI erzeugt
20. Jahrhundertca. 39 Min.

April 1912: Die SS Californian treibt reglos im Eisfeld des Nordatlantiks, und der neunzehnjährige Funker Tobias Hallwart starrt in eine verwirrend stille Nacht. Als am Horizont Lichter auftauchen und der stumme Funkapparat neben ihm zu schweigen scheint wie ein Stein, beginnt er zu ahnen, dass Gehorsam einen Preis haben kann, den er noch nicht zu benennen vermag.

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Stille im Eis

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Tempo
Schlummer

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Zum Mitlesen: Stille im Eis

Die See lag an jenem Abend so still, dass sie mir Angst machte. Ich hatte in meinen neunzehn Jahren schon manches Wasser gesehen, aufgewühlte Häfen, graue Wellen, die gegen Molen schlugen, doch nichts glich dieser gläsernen Ebene, die sich unter einem Himmel voller Sterne bis zum Rand der Welt spannte. Kein Windhauch, keine Dünung. Der Nordatlantik hielt den Atem an, und die SS Californian lag darin wie ein Käfer auf einer schwarzen Spiegelscheibe.

Ich heiße Tobias Hallwart, und in jener Nacht war ich der Aushilfsfunker an Bord, ein hagerer Bursche mit kurzgeschnittenem, sandblondem Haar, in dem sich an der Stirn ein widerspenstiger Wirbel niemals glätten ließ. Meine Haut war blass und übersät mit Sommersprossen, meine Augen von jenem hellen Wasserblau, das die Kameraden gern verspotteten. Ich trug eine abgetragene, dunkelblaue Marconi-Jacke, deren Messingknöpfe ich blank gerieben hatte, bis sie glänzten, und dazu einen Kopfhörer, der mir viel zu groß war und den ich alle paar Minuten zurechtrücken musste.

Am frühen Abend des vierzehnten April neunzehnhundertzwölf begann das Eis. Erst waren es nur weiße Schollen, die im Sternenlicht auftauchten, dann immer mehr, bis ringsum ein ganzes Feld schimmerte, hart und geduldig. Der Kapitän ließ die Maschinen stoppen. Das Zittern der Schrauben verstummte, und mit ihm verstummte fast alles. Ich stand an der Reling und lauschte in die Stille, und ich hörte tatsächlich nichts als mein eigenes Herz und das leise Knistern des Eises, das aneinanderrieb wie fernes Flüstern. [breathes]

„Steh nicht herum und friere dir die Finger ab, Junge", rief mir eine Stimme zu. Es war Cyrus Evans, unser fest angestellter Funker, gerade zwanzig Jahre alt und doch mein Vorgesetzter. Sein dunkelbraunes Haar lag ordentlich gescheitelt unter der Pomade, das Kinn schon von einem Bartschatten überzogen, und unter seinen Augen lagen müde Ringe. Hinter dem Ohr steckte, wie immer, ein Bleistift. Er zog mich am Ärmel zurück in die Enge unserer kleinen Welt.

Die Funkkabine war kaum größer als ein Kleiderschrank. An der einen Wand thronte der Marconi-Apparat, ein Gewirr aus Spulen, Reglern und dem Funkeninduktor, der beim Senden knatterte wie ein wütendes Insekt. Auf dem schmalen Tisch lagen Meldezettel, Bleistiftstummel und ein abgegriffenes Buch mit Rufzeichen. Ein Vorhang trennte den Winkel ab, in dem Evans' Koje stand. Es roch nach heißem Metall, nach Öl und nach dem kalten Rauch der Nacht, der durch die Ritzen sickerte.

„Das hier", sagte Evans und klopfte auf den Apparat, „ist das Ohr des Schiffes. Solange es horcht, sind wir nie ganz allein auf dem Meer." Ich verstand, was er meinte, und zugleich verstand ich es noch nicht ganz. Die drahtlose Telegrafie war jung, kaum älter als ich selbst, und viele alte Seebären hielten sie für Spielerei. Doch ich hatte begriffen, dass durch diese knisternde Luft Worte reisten, unsichtbar, über hundert Meilen hinweg, von Schiff zu Schiff. Für mich war das ein Wunder, und ich wollte beweisen, dass dieses Wunder Menschenleben retten konnte.

An Bord herrschte eine strenge Ordnung. Ganz oben stand Kapitän Stanley Lord, ein großer, breitschultriger Mann mit glattem dunklem Haar und wettergegerbtem Gesicht, den man nur selten lächeln sah. Zwischen ihm und mir lagen viele Stufen, und ein Aushilfsfunker war die unterste davon. Ich lernte an jenem Abend rasch, dass man nicht redete, wenn man nicht gefragt wurde, und dass Gehorsam hier so selbstverständlich war wie das Salz in der Luft.

Später, als Evans über seinen Zetteln gähnte, trat ich noch einmal kurz hinaus. Am fernen Horizont, weit jenseits des Eisfeldes, meinte ich ein schwaches Licht zu erkennen, klein und blass wie ein zögernder Stern, der zu tief geraten war. [pauses] Ich dachte mir nichts dabei. Die Nacht war ruhig, das Meer war still, und alles schien in bester Ordnung. Ich ahnte nicht, dass genau dort, hinter jenem winzigen Schimmer, das Ohr der Welt bald verzweifelt nach uns rufen würde.

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