
Geschichte
Der Schatten über dem Hausberg
Mit KI erzeugtAls der Schwarze Tod das Saaletal erreicht, kämpft die Kräuterfrau Adelheid von der Mühle nicht nur gegen das Sterben um sie herum, sondern auch gegen den Aberglauben und die Angst der Bürger Jenas. Doch während die Pest die alten Mächte erschüttert und ein skrupelloser Vogt die Menge gegen Unschuldige aufhetzt, liegt die Wahrheit über das Unglück der Stadt verborgen in den einsamen Wegen des Saalelands — und es braucht den Mut eines Knappen und das Wissen einer Heilerin, um sie ans Licht zu bringen.
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Der Geruch von Rauch und Angst
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Der Frühling kam spät in jenem Jahr, und als er kam, roch er nach nassem Holz, nach Gerberlohe und nach dem faulen Atem der Saale, die träge an den Wiesen vor der Stadt vorüberzog. Adelheid von der Mühle ging durch die engen Gassen der Jenaer Vorstadt, dort, wo die Häuser sich krumm aneinanderlehnten wie müde alte Männer, und wo der Boden zwischen den Pfützen niemals ganz trocken wurde. Sie war eine schlanke, sehnige Frau von sechsundzwanzig Jahren, mittelgroß, mit dunkelblondem Haar, das sie zu einem einfachen Zopf geflochten und unter einer leinenen Haube verborgen trug. Über ihre Nase zogen sich Sommersprossen, und auf ihrer linken Wange saß eine feine, blasse Narbe, die kaum jemand bemerkte, der ihr nicht lange ins Gesicht sah.
An ihrem Gürtel hing ein Lederbeutel, prall gefüllt mit getrockneten Kräutern, und ihre grob genähte Leinenschürze über dem erdbraunen Wollkleid trug die Flecken vieler Krankenbesuche. Jetzt bückte sie sich unter den niedrigen Türsturz eines Gerberhauses, in dem ein Mann auf einem Strohlager lag und fieberte.
Der Gerber war ein kräftiger Bursche gewesen, doch nun glänzte sein Gesicht vor Schweiß, und seine Augen suchten die Decke ab, als stünde dort etwas geschrieben, das nur er lesen konnte. Adelheid kniete neben ihm nieder, legte ihm die Hand auf die Stirn und zählte in Gedanken die Schläge seines Herzens.
„Es ist das Sumpffieber", sagte die Frau des Gerbers hinter ihr mit dünner Stimme. „So sagt der Nachbar. Es kommt vom faulen Wasser."
Adelheid antwortete nicht gleich. [pauses] Sie löste den Beutel, zerrieb getrocknete Weidenrinde zwischen den Fingern und ließ die Frau Wasser über dem kleinen Feuer erhitzen. „Gebt ihm davon, warm, dreimal am Tag", sagte sie ruhig. „Und öffnet die Läden, damit die schlechte Luft entweichen kann. Er wird schwitzen, das ist gut." Sie glaubte selbst, was sie sagte. Es war ein Fieber, wie sie hundert behandelt hatte. Und doch blieb ein Rest Unbehagen in ihr, den sie nicht benennen konnte.
Von draußen drang der Lärm des Marktes herein, das Rufen der Händler, das Quietschen der Karren, das Feilschen um Salz und Tuch und Fisch. Und über allem, hell und beharrlich, klang die Glocke der Stadtkirche zur Mittagsstunde, ein Klang, der Adelheid seit Kindertagen begleitete und der ihr sonst Trost war. An diesem Tag jedoch hörte sie ihn anders, dunkler, als läge etwas unter dem vertrauten Ton.
Als sie später über den Markt ging, um Leinen zu kaufen, standen Kaufleute im Kreis beieinander, Männer aus fremden Städten, mit staubigen Mänteln und ernsten Gesichtern. Sie blieb im Schatten eines Standes stehen und lauschte, wie sie es oft tat, denn eine Heilerin lebte vom Zuhören.
„In Nürnberg sollen ganze Gassen leer stehen", sagte einer, ein hagerer Tuchhändler mit heiserer Stimme. „Und weiter im Süden, sagt man, sterben sie schneller, als die Priester begraben können. Es kriecht die Handelswege herauf, von Stadt zu Stadt, wie ein Feuer im Stroh."
„Weibergeschwätz", brummte ein anderer. „Der Winter war hart, die Menschen sind schwach. Im Sommer wird alles vergessen sein."
Doch der hagere Mann schüttelte den Kopf. „Ich habe die Wagen gesehen, die aus dem Süden kamen. Sie kamen nicht mehr voll zurück."
Adelheid stand still, das Leinen vergessen in ihrer Hand. [sighs] Etwas an den Worten des Mannes legte sich ihr kalt auf die Brust, kälter als der Frühlingswind, der von der Saale herüberwehte. Sie dachte an den Gerber, an sein glänzendes Gesicht, an das Fieber, das sie zu kennen glaubte. Und zum ersten Mal fragte sie sich, ob sie es wirklich kannte.
Über der Stadt schob sich eine graue Wolke vor die Sonne, und der Geruch von Rauch legte sich über die Dächer. Adelheid zog ihren Umhang enger und ging heim, doch das Unbehagen ging mit ihr, Schritt für Schritt, und es wollte nicht weichen, so sehr sie sich auch bemühte, es für nichts als Müdigkeit zu halten.
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