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Cover: Was die Sturmflut freigab

Krimi

Was die Sturmflut freigab

Mit KI erzeugt
Cold Caseca. 38 Min.

Eine Herbststurmflut spült an der Steilküste der Ostseeinsel Krönsholm eine bernsteinfarbene Halskette und verwitterte Knochen frei – und reißt damit eine dreißig Jahre alte Wunde auf. Kommissarin Rieke Brandt reist vom Festland an, um einen längst abgehefteten Vermisstenfall neu aufzurollen, und stößt auf eine Inselgemeinschaft, die ihr Schweigen wie einen Deich vor sich hertreibt. Doch in Trinnbüll hält kein Deich ewig.

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Was die Flut brachte

Kapitel 1 von 1 · gesamt 0:00 / 4:25

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Schlummer

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Zum Mitlesen: Was die Flut brachte

Die Nacht hatte die Insel durchgeschüttelt wie ein nasses Tuch. Der Wind war aus Nordwest gekommen, hatte sich in den Reetdächern von Trinnbüll festgekrallt und die See gegen die Steilküste geworfen, bis der Lehm nachgab und ganze Klippenstücke ins Meer rutschten. Am Morgen lag Krönsholm still und erschöpft da. Der Himmel hing grau und tief, die Möwen kreisten schreiend über dem Windwatt, und die Luft schmeckte nach Salz und aufgewühltem Boden.

Broder Jessen war früh aufgebrochen, wie an jedem Morgen nach einem Sturm. Der alte Mann konnte nicht schlafen, wenn es draußen tobte, und wenn es vorbei war, zog es ihn an die Küste, um zu sehen, was das Meer diesmal genommen und was es zurückgelassen hatte. Sein Hund lief ihm voraus, die Nase im nassen Gras, den Schwanz gegen den Wind gestemmt. Der Pfad am oberen Rand der Steilküste war stellenweise weggebrochen, und Broder hielt sich vorsichtig ein Stück landeinwärts, dort, wo der Boden noch trug.

Unten hatte die Flut ein tiefes Stück aus der Klippe gerissen. Frischer Lehm glänzte dunkel und feucht im fahlen Licht, durchzogen von hellen Adern aus Sand und alten Wurzeln. Der Hund wurde unruhig, blieb an der Abbruchkante stehen und begann zu winseln, ein hohes, drängendes Geräusch, das Broder das Blut in den Adern gefrieren ließ. Er rief das Tier zurück, doch es rührte sich nicht.

So stieg er das letzte Stück hinab, Schritt für Schritt, die Hand an einem freigespülten Wurzelstrang. Und dann sah er es. Zwischen dem aufgeworfenen Lehm, halb noch von Erde bedeckt, lag etwas, das im diffusen Licht sanft aufleuchtete. Honigfarben, warm, an einen Faden gereiht, der längst verrottet war, doch die Perlen selbst hatten die Zeit überdauert. Bernstein. Eine Halskette, wie sie viele Frauen auf der Insel einmal getragen hatten, und doch so unverkennbar, dass Broder unwillkürlich den Atem anhielt.

Neben der Kette schaute etwas anderes aus dem Lehm. Erst hielt er es für Treibholz, glatt und blass gebleicht von Jahren. Dann begriff er, dass es kein Holz war. [breathes] Er trat einen Schritt zurück, und der Hund drängte sich winselnd an sein Bein. Broder Jessen war ein nüchterner Mann, doch in diesem Moment spürte er, wie ihm der Boden unter den Füßen fremd wurde. Er stieg zurück auf den Pfad, mit zitternden Knien, und griff nach dem Handy, das er nur widerwillig bei sich trug.

Momme Carstens war noch beim ersten Kaffee, als der Anruf kam. Er stellte die Tasse ab, zog die olivgrüne Wachsjacke über die Uniform und setzte die abgewetzte Schirmmütze auf. Der Weg zur Steilküste war kurz, alles auf Krönsholm war kurz, und doch fühlte er sich an diesem Morgen lang an. Momme war Anfang sechzig, groß und hager, mit wettergegerbter Haut und buschigen grauen Brauen, und er kannte jeden Meter dieser Küste, seit er ein Junge gewesen war.

Als er neben Broder an der Abbruchkante stand und hinabsah, sagte er zunächst nichts. Der Wind zerrte an seiner Mütze. Unten schimmerte der Bernstein aus dem Lehm, sanft und beharrlich, als wollte er nach dreißig Jahren endlich gesehen werden. Momme kannte diese Kette. Er hatte sie schon einmal gesehen, an einem hellen Hals, unter rotblondem Haar, das im Wind geflogen war. [sighs] Ein Frösteln kroch ihm den Rücken hinauf, das nichts mit dem Nordwestwind zu tun hatte.

Er wies Broder an, ein Stück zurückzutreten, spannte mit ruhigen, geübten Händen ein Absperrband zwischen zwei Pfähle und machte Fotos, mehr aus Pflicht als aus Überzeugung. Doch seine Gedanken waren längst woanders, in einer anderen Sturmnacht, weit zurück, die er über all die Jahre in sich verschlossen getragen hatte. Er hatte gehofft, die See würde manche Dinge für immer bei sich behalten. Nun hatte sie sie freigegeben, und Momme Carstens wusste mit erschreckender Gewissheit, dass dieser Morgen etwas in Bewegung setzte, das sich nicht mehr aufhalten ließ.

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